Ist - im Hinblick auf die Geschichte - Wohnen wirklich naheliegend?
Autorin: Maria Graf
Die Hintere Insel war geschichtlich gesehen über viele Jahrhunderte die „grüne Reserve“ der Altstadt. Hier hatten die Inselbewohner ihre Gärten bebaut und von dort einen Teil ihrer Nahrungsversorgung bezogen. Hier war der Ort, wo sie aus engen Mauern und Gassen „hinaus“ konnten, ohne aufs Festland zu müssen, was in Krisenzeiten ein Segen war.
Die Hintere Insel wurde in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts gegen Norden hin erweitert, indem Aushub aus dem kleinen See zu Festland verwandelt wurde. Mit öffentlicher Förderung wurde eine Fläche von ca. 3 ha geschaffen, auf der jetzt die Gartenschau stattfindet. Diese Fläche diente zunächst dazu, den mit der Zeit stark angestiegenen Erschließungsbedarf der Insel zu decken und damit sicherzustellen, dass alle wichtigen Ziele (s.a. ISEK, KLIMO ) auch mit Fahrzeugen gut erreicht werden konnten. Dazu war vorübergehend eine überwiegende Versiegelung der gewonnenen Flächen notwendig. Für den guten Zweck erschien angesichts des geringen zur Verfügung stehenden Platzes auf der dicht bebauten Insel ein solches Opfer zunächst hinnehmbar. Diese verkehrliche Entspannung verhalf der Insel, über viele Jahr hinweg, attraktiv für Bewohner und Besucher zu bleiben.
Dann hat die Stadt beschlossen, diese Flächen wieder in ein Gartengelände zu verwandeln und eine Naturschau darauf zu veranstalten. Um an notwendige öffentliche Gelder heranzukommen, hat sie in ihrer Bewerbung den Entscheidern versprochen, die vielen wegfallenden Stellplätze in geeigneter Nähe wiederherzustellen, sodass diese für die Insel wie bisher zu Verfügung stünden. Die betroffene bisherige Stellplatzfläche wurde daraufhin entsiegelt und überwiegend wieder in einen Naturzustand zurückgeführt. Damit erlitt die Verkehrserschließung der Insel einen Infarkt. Denn die versprochenen Entlastungsmaßnahmen durch Schaffung von Ersatzstellplatzflächen haben entweder nicht stattgefunden, oder sind funktionell nicht gleichwertig, teilweise unzureichend bzw. nur temporär, so dass nach ihrem Wegfall die prekäre Situation wieder in gleicher Schärfe eintreten wird.
Die städtische Verwaltung hat die Einlösung des Versprechens, die wegfallenden Parkplätze für die Insel gleichwertig wieder zur Verfügung zu stellen, auf die lange Bank geschoben. Komplizierte, zeitraubende Verwaltungsverfahren lassen die Aussichten schwinden, in angemessener Zeit die frühere Erreichbarkeit wichtiger Ziele auf der Insel wiederherzustellen. Stattdessen werden Stimmen laut, dass die Insel auch ohne oder mit viel weniger Abstellmöglichkeiten für „Jedermanns Fahrzeug“ auskommen könne. Es bedürfe dazu keines teuren Ersatzes, sondern eher einer „Umerziehung“ der Insulaner und ihrer Besucher zu einem Verzicht auf ihre unabhängige Bewegungsfreiheit. Nach dem Motto: Wo es kein Fahrzeug mehr gibt, gibt es auch kein Parkproblem mehr.
Interessanterweise sind darunter die gleichen Stimmen, die die auf der Hinteren Insel nach Wegfall der Stellplätze entstandene Natur wieder zupflastern wollen. Kaum hat es Lindau geschafft, seine Gärten mit all dem herrlichen Nutzen, den die Besucher jetzt in der Schau genießen, wieder auferstehen zu lassen, sollen sie großenteils einem Bauprojekt geopfert werden, das nicht nur den jetzigen Gartenstrand, sondern überhaupt den Charakter unserer historischen Inselstadt nachteilig verändern wird.